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Die Elfen

Elfen!

Gibt es diese Wesen überhaupt?

Tja, das ist eine gute Frage. Erwachsene sagen „nein”. Kinder sagen „ja”. Naturkenner sagen auch „ja”. Nun was stimmt denn eigentlich? Es verhält sich nun mal so. Ist man ein Kind, dann sind Augen, Ohren und andere Wahrnehmungsorgane noch gut in Schuss. Meistens jedenfalls. Je älter man wird, desto mehr lassen die Sinne nach. Mancheiner aber behält auch bis ins hohe Alter noch seine Fähigkeiten, Dinge zu hören oder sehen, die sich für „Otto-Normal-Verbraucher”nicht blicken lassen wollen. So war es auch mit Opa Björn.

Die meisten, die ihn kannten, behaupteten er sei nicht ganz richtig im Oberstübchen, weil er sich, der Einfachheit halber gesagt, mit Gegenständen unterhielt. In seiner Welt hingegen sprach Opa Björn aber beispielsweise nicht mit einem Tisch, sondern mit einem Elfen. Oder war es eine Elfin. Na ja. Das ist für einen Unwissenden oder Unsehenden ziemlich schwer zu sagen. Doch wie auch immer. Opa Björn hatte seine Gesprächspartner auch dann, wennn sie für andere unsichtbar waren.

Zu Ostern bekam Opa Björn, wie jedes Jahr, Besuch seines Sohnes mit dessen Familie. Wie dabei zu erwarten war, hatten sein Sohn Ole und dessen Frau die Kinder geimpft. Sie sollten bloß nicht alles glauben was Opa so alles erzähle. Er sei halt in dem Alter, in dem man tüttelig würde. Das kannte Opa Björn schon. Ihm war es auch völlig egal. Immerhin hatte er schon seit jüngster Jugend Kontakt mit der Elfenwelt und die hatten ihn schon damals vor den Meinungen der Mitmenschen gewarnt. Es hatte ihn schon damals nicht gestört und das tat es nun auch nicht.

Ole und Frau Agneta räumten den Wagen aus und die Kinder, Ylvie und Freda, rannten auf Opa zu, um diesen ausgiebig zu umarmen. Schließlich hatte man sich schon einige Zeit nicht gesehen. Besonders neugierig waren die Mädchen aber auf die neuen Geschichten, die Opa Björn ihnen wieder als Wahrheit auftischen wollte. Das konnte er so gut und lebhaft, dass man glauben mochte es wäre genau so passiert, wie Opa Björn die Mär vorgetragen hatte. Nur so richtig glauben, dass taten die Girls nicht. Warum auch? Manche Menschen müssen halt erst mit der Nase über die Dinge stolpern, an die die glauben sollen. Das war diese Ostern auch für Ylvie und Freda fällig. Aber der Reihe nach.

Mit ausgiebig Hunger nach der Anfahrt setzte man sich an den Küchentisch und ließ es sich schmecken. Opa Björn hatte es sich nämlich nicht nehmen lassen nach altem Hausrezept einen Kartoffelsalat, mit gebrühten Würstchen, zu kredenzen. Mittlerweile so irgendwie das familiäre Nationalgericht. Aber LECKER!

Ole und Agneta räumten nach dem Essen den Tisch ab. Ylvie und Freda sahen Opa Björn erwartungsvoll an. Der ahnte was er sollte. Er hatte aber noch kein Interesse daran wieder von Erlebnissen mit den Elfen zu berichten, die man ihm so oder so nicht wirklich abnahm. Also ließ er seine Gäste erst einmal von ihrem Leben erzählen. Ole teilte mit, dass er einen neuen Arbeitgeber gefunden hätte der etwas mehr für die Haushaltskasse beisteuerte, Agneta ließ wissen das sie der Meinung sei, dass ihre Bleibe mal wieder etwas neue Farbe benötige. Ylvie und Freda, wie Kinder in ihrem Alter, mokierten sich über die Schule. Mal zu lang, mal zu langweilig, dann hatten die Lehrer keine Ahnung oder verlangten einfach zu viel. Halt das Übliche aus dem Schulalltag. Das Abendessen stoppte bei einsetztender Dämmerung den Alltagstratsch. Mit Genuss machten sich alle über den restlichen Salat her und ließen auch die Fleischscheiben auf frischem Brot nicht unbeachtet. Das Tischabräumen übernahmen dieses Mal Ylvie und Freda. Die beiden hatten zuvor Opa Björn das Versprechen abgerungen eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen. Er tat seinen Enkelinnen den Gefallen gern. So konnte er schließlich doch noch etwas aus seinem Leben, das mit den Elfen, an jemanden weiterzugeben.

Wie versprochen machte es sich Opa Björn gemütlich. Seine Zuhörerinnen kuschelten sich derweil unter die Schlafdecken. Ole und Agneta hatten vorher schon das Haus verlassen um noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. So konnte Opa Björn so richtig aus seinem Leben berichten. Das wollte er auch gerade tun als ihn eine dünne Stimme unterbrach. Er blickte zum Fensterbrett auf dem ein Einblatt stand. Direkt daneben nahm er einen kleinen Schatten wahr. Umgehend bat er seine Enkelinnen leise zu sein und zu beobachten, was er tat. Opa Björn erhob sich und ging langsam zum Fenster. Die Stimme wurde für ihn deutlicher. Sie bat um Hilfe. Kurz darauf erreichte Opa Björn sein Ziel und beugte sich vor. Nun sah er den oder das, was da seine Hilfe erbat. Opa Björn streckte langsam die Hand aus und umschloss vorsichtig mit den Fingern das Wesen das da am Blumentopf verharrt hatte. Lächelnd hob er die Hand und öffnete die Finger. Eine Elfin machte es sich auf seinem Ringfinger gemütlich und begann zu berichten. Opa Björn und seine noch ungläubigen Enkelinnen bekamen zu hören, was sich ereignet hatte und warum eine Elfin sich plötzlich mit Menschen abgab um von diesen, zu allem Überfluss, auch noch Hilfe zu erbitten.

Nach Ende des Berichtes war für Opa Björn klar das er nicht mehr länger warten konnte. Er brachte die Elfin zur Fensterbank zurück und bat sie dort zu warten. Dann erklärte er seinen Enkelinnen was er zu tun gedachte. Sie könnten ihn begleiten oder sich schlafen legen. Es wäre in jedem Falle ihre Entscheidung.

Ylvie und Freda brauchten keine Sondereinladung. So schnell sie konnten wechselten sie die Kleidung. Fast im Handumdrehen standen sie zum Abenteuer bereit. Opa Björn hatte sich, wenn auch etwas langsamer, gleichfalls andere Kleidung angezogen und zur Sicherheit einen Rucksack mit Notfallausrüstung gepackt. Damit war das Quartett bereit um sich mit der Hilfsaktion zu befassen.

Opa Björn ging vor. Ums Haus herum und die Elfe von der Fensterbank geholt. Anschließend ging es, nach ihren Worten als Wegbeschreibung, in den Wald. Ylvie und Freda bekamen rasch die Aufgabe mit den Taschenlampen, die Opa Björn ihnen reichte, den Weg auszuleuchten. Die Elfin zuckte bei der Lichtfülle kurz zusammen, dann entspannte sie sich wieder als klar war das, diese Instrumente keine Gefahr bedeuteten. Mit schnellen Schritten aber trotzdem ohne kopflose Hast näherte sich die Gruppe dem Ziel. Dort angekommen staunten die Mädchen nicht schlecht. Hatten sie doch immer ihren Eltern geglaubt. Diese hatten immer standhaft versichert das Opa Björn irgendeine Schraube locker habe und gerne seine Zuhörer auf den Arm nähme. Hier und jetzt aber mussten sie sehen das dem nicht so war. Gut. Opa Björn mochte das eine oder andere Mal etwas übertrieben oder etwas hinzugedichtet haben aber das Meiste entsprach doch den Tatsachen.

Die Elfin meldete sich wieder und bat abgesetzt zu werden. Opa Björn tat ihr den Gefallen und setzte sie nahe den Mitelfen ab. Dann folgte der Rucksack auf den Boden bevor er sich das Missgeschick genauer ansah. Die Elfen machten ihm, zum Erstaunen von Ylvie und Freda, bereitwillig und schnell Platz. Opa Björn sah sich die Sache an und ließ wissen das er helfen könne. Dann ging er zum Rucksack und holte eine Bügelsäge sowie zwei Klippstanden hervor. Damit ging er zum Umgekippten Baum und bat seine Enkelinnen zu sich. Die sahen sich kurz fragend an und taten wie ihnen geheißen worden war.

Opa Björn erklärte ihnen ihren Einsatz. Das Tun sei nicht schwer. Sie sollten nur etwas verhindern. Die Helferinnen nickten. Opa Björn setzte die Eisenstangen an ihre Plätze, dann griff er zur Säge. Bevor er aber sein Werk starten konnte, stoppte ihn die Elfin. Sie bat ihn recht vorsichtig zu sein. Dann senkte sie leicht verschämt ihren Blick und fügte an das der eingeklemmte Elf ihr Prinz sei. Sie würde sich freuen, wenn ihm nicht mehr passieren mochte. Opa Björn verstand und leise, mit wichtiger Mine teilte er der Elfin mit sie sollte dem Verunglückten die Hand halten und Trost zu spenden. Er müsse sehr, sehr tapfer sein. Dabei kniff er verschmitzt ein Auge zu. Die Elfin verstand und spielte mit.

Opa Björn korrigierte nochmal die Klippeisen und auch den Standpunkt seiner Enkelinnen. Dann setzte er die Säge an. Langsam begann er damit die Baumwurzel zu zerteilen. Sicher hätte er die ganze Aktion auch schneller beenden können, aber so machte es halt etwas mehr her und schien sehr schwierig zu sein.

Nach angemessener Zeit beendete Opa Björn seine Arbeit. Er hob das herausgesägte Wurzelstück hoch welches jetzt auf den Klippeisen ruhte. Die Elfin verpasste ihrem Prinzen unter Grinsen eine schallende Ohrfeige und teilte ihm mit das nun alles wieder gut wäre. Er würde nicht verstümmelt und auch wieder laufen können. Dann half sie ihm auf die Füße. Etwas unsicher begab sich der Befreite zu Opa Björn und bedankte sich vielfach. Auch Ylvie und Freda bekamen eine Portion des Dankes ab.

Der Führer der Elfen, der Opa Björn schon lange Zeit kannte, fragte ob es möglich sei sich für die Hilfe zu bedanken. Opa Björn teilte seinem Bekannten unter den Elfen mit, dass es nicht so einfach wäre. Man könne natürlich am Fest zur Rettung teilnehmen. Würde aber ein Mensch etwas von den Köstlichkeiten zu sich nehmen, wären Probleme schon jetzt vorherzusehen. Der Mensch wäre, nach seiner Zeitrechnung, knapp einhundert Jahre nicht mehr am Ort seines bisherigen Lebens und anschließend hätten alle Menschen Schwierigkeiten die Sache zu erklären. Opa Björn wäre aber nicht Elfenkenner und -freund, wenn er nicht eine Lösung wissen würde.

Er schlug vor, das seine Enkelinnen ein kleines Geschenk bekämen. Das sei dann Lohn genug. Der älteste Elf nickte verstehend. Er griff in seine Jackentasche und holte zwei Ketten mit jeweils einem Medaillon hervor. Ylvie und Freda bekamen diese, sowie eine Erklärung. Die Ketten seien unzerstörbar und besäßen eine Fähigkeit. Diese müsse aber mit Bedacht eingesetzt werden. Sobald Ylvie oder Freda in Gefahr wären und es keine Aussicht auf Rettung gäbe, dann könne die Hilfebedürfige das Medaillon küssen und mitteilen um was es ginge. Sollte es irgendwie machbar sein, Hilfe zu bringen, dann würde das Elfenvolk von wo auch immer, diese geben. Das wäre aber nur einmal möglich und dürfe, wie gesagt, nicht als Scherz getan werden. Ylvie und Freda verstanden. Ihnen war aber noch nicht klar, dass die Sache vielleicht doch nicht so einfach werden würde. Zunächst aber galt es nach Hause zu kommen und das möglicherweise wartende Donnerwetter zu überstehen.

Menschen und Elfen verabschiedeten sich. Auf dem Weg nach Opa Björns Hütte löcherten ihn seine Enkelinnen. Kurz gesagt, Opa Björn erklärte ihnen, dass seine „Fantastereien“ keine gewesen waren. Vielleicht etwas ausgeschmückt, aber ansonsten nichts als die reine Wahrheit. Wieder Daheim beeilten sich Ylvie und Freda in ihre Betten zu kommen. Opa Björn übernahm die Ansprache seines Sohnes und damit war dieser Teil des Abenteuers erledigt.

Ylvie und Freda hingegen widersprachen immer wieder energisch, wenn die Behauptung aufkam: „Elfen gibt es nicht”. Das sie damit, abgesehen von Opa Björn, ziemlich alleine waren, das störte sie nun nicht mehr. Im Laufe ihres Älterwerdens mussten Ylvie und Freda aber immer wieder erkennen das die Sache mit dem Wunschamulet eine ziemliche Bürde sein konnte. Zwar waren sie hin und wieder in problematischen Lagen aber den Wunsch, den sie mit dem Amulett erfüllt bekommen sollten, behielten beide noch viele, viele Jahre. Vielleicht haben sie ihn auch noch heute.